Digitalisierung? Lieber nicht.

Die Digitalisierung hat’s nicht immer leicht. Das Versprechen, Abläufe und Prozesse effizienter zu gestalten, neue Zielgruppen zu erschließen und insgesamt das Unternehmen fit für die Zukunft zu machen scheint manchmal überhaupt nicht gefragt zu sein.
Erlebt haben wir das gerade bei einer mittelständischen Bäckerei, die wöchentlich unsere Kleinstadt mit einem Verkaufswagen anfährt.

Vorbestellungen von Kuchen, Brot und anderen Konditorei-Erzeugnissen werden per „Zettelkasten“ gerne entgegen genommen. Eine Online-Bestellung per Formular oder Shop wird dagegen abgelehnt.

Die Gründe? Einerseits wolle man keine „E-Mails lesen“. Andererseits arbeite man auch in der Bäckerei mit einem großen, analogen Zettelboard (sehr Kanban-mässig, eigentlich prima!). Natürlich ist es ein Leichtes, die eingehenden Bestellungen per Drucker auf die gewünschten Zettel zu übertragen. Aber auch da fliessen die Bedenken munter weiter: Papier im A6-Format würde ja ständig verrutschen, oder?

Auch das Kassensystem ist mitnichten sinnvoll angebunden und könnte prinzipiell auch Bestellungen aufnehmen; Rechnungen werden nach wie vor mit dem Schweizer-Messer für alle Büroaufgaben geschrieben (Excel).

Und überhaupt: die Bevölkerung sei ja viel zu alt hier und würde das nicht nutzen, 25 wöchentliche Bestellungen würden jetzt gerade mal analog eingehen, wie soll das den noch mehr werden, mit der Digitalisierung? Touristen – nein, die sind ja im Winter dann nicht da. Torten „konfigurieren“? Bitte nicht, das ist ja alles viel zu individuell, und man wolle ja auch den direkten Kontakt mit dem Kunden. Aber, bitte nicht zu viel, weil viele erzählen ja dann die ganze Lebensgeschichte und entscheiden sich 8 mal um. Hm.

Aber alles prima so, und eigentlich will man ja auch gar nicht mehr verkaufen, ist ohnehin schon stressig genug. Nur die – immerhin vorhandene und wenig gepflegte Webseite – die sollte dann schon noch schöner gemacht werden, da wären die Produkte zu klein.

Schade, die Backwaren sind wirklich lecker, und wir müssen uns jetzt einen Bäcker suchen, bei dem wir bequem per Tablet bestellen können. Hat jemand Interesse an einem kleinen Pilotprojekt in Schleswig-Holstein?

Nils Ehnert

Ich bin zwar aufgrund meines Geburtsjahres kein typischer Digital Native, kenne aber das Internet seit Beginn der Kommerzialisierung und bin um so mehr in die digitale Welt hineingewachsen. Durch meine Tätigkeit als selbständiger Software-Entwickler habe ich seit jeher die Entwicklung mit großem Interesse verfolgt, teilweise mitgestaltet und habe alle bisherigen Höhen und Tiefen hautnah miterlebt. Mittlerweile haben sich meine Interessen deutlich über die Technik ausgeweitet und ich verfolge Themen aus Soziologie, Psychologie, Politik, Unternehmertun und neuen Arbeitsformen.

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